Die Rudolf Augstein Stiftung unterstützt 14 journalistische Projekte mit mehr als 100.000 Euro

Hamburg, 5. März 2014 - Die Gewinnerinnen und Gewinner des Wettbewerbs um Sonderfördermittel in Höhe von 100.000 Euro stehen fest: 14 journalistische Vorhaben von besonderer öffentlicher Bedeutung können jetzt umgesetzt werden. Unter den von einer Fachjury ausgewählten Projekten befinden sich Langzeitrecherchen, auch unbequeme Themen und experimentelle Formate.

Anlässlich des 90. Geburtstages ihres Gründers hatte die Stiftung die zusätzlichen Gelder ausgelobt, um ihre Bemühungen zur Förderung des Qualitätsjournalismus zu stärken. Die Resonanz auf den erstmals veranstalteten Wettbewerb war überwältigend: 184 Bewerbungen gingen innerhalb weniger Wochen ein. „Die Projektskizzen belegen in ihrer Vielfalt und mit ihrem hohen Niveau, dass es kritischen Journalisten nicht an guten Ideen, sondern vor allem an finanziellen Mitteln mangelt", so das Fazit von Jakob Augstein, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Stiftung und verantwortlich für den journalistischen Förderbereich.

Dass der Mangel freischaffende wie festangestellte Journalisten betreffen kann und sich quer durch die Branche zieht, erscheint symptomatisch: „Die immer dichtere Vernetzung in der globalisierten Welt erfordert aufwändigere Reisen in ferne und komplexe Wirklichkeiten. Viele Journalisten kämpfen damit, dass die Entwicklung in den Redaktionen dazu oft im Widerspruch steht. Diese können sich anscheinend selbst bei Verlagen und Sendern, denen es wirtschaftlich noch gut geht, häufig nicht mehr dazu entschließen, umfangreiche kritische Recherchen zu unterstützen“, resümierte Jurypräsidentin Christiane Grefe nach der Auswahlsitzung mit Blick auf die vielen relevanten Einreichungen.

Die Jury zeichnete bewusst nicht nur Projekte mit kurzer Laufzeit aus. Sie entschied sich auch für Vorhaben, in denen Journalist_innen langfristig Missstände untersuchen können. Denn Langzeitrecherchen sind notwendig, um die Demokratie zu stärken und Machtmissbrauch einzudämmen. Dazu können Journalisten beitragen. „Schön wäre allerdings, wenn sich auch die etablierten Medienhäuser dieses Credos wieder vermehrt annehmen würden. Denn Stiftungen können diese Aufgabe in Deutschland nicht übernehmen. Nur ein sehr kleiner Teil der rund 20.000 deutschen Stiftungen betreibt Journalismusförderung. Die Situation ist beispielsweise mit der in den USA und dortigen stiftungsfinanzierten Initiativen wie der gemeinnützigen Rechercheplattform Pro Publica nicht zu vergleichen“, so Dr. Franziska Augstein, Mitglied des Vorstands der Stiftung.

Das beantragte Gesamtfördervolumen der eingereichten Anträge lag bei knapp 1,7 Millionen Euro. Für die ausgezeichneten 14 Projekte bewilligte die Stiftung 102.600 Euro. Die ausgezeichneten Teams können jetzt an die Arbeit gehen. Die Rudolf Augstein Stiftung wünscht ihnen dabei viel Erfolg! Mit ersten durch die Aktion ermöglichten Veröffentlichungen ist in den nächsten Monaten zu rechnen.

Der Jury gehörten an: Dr. Franziska Augstein (Redakteurin Süddeutsche Zeitung), Jakob Augstein (Verleger der Freitag), Dr. Carolin Emcke (freie Publizistin), Christiane Grefe (Redakteurin und Reporterin DIE ZEIT), Dr. Lutz Hachmeister (Direktor Institut für Medien- und Kommunikationspolitik), Dr. Niklas Maak (Leiter des Kunstressorts Frankfurter Allgemeinen Zeitung) und Alexander Svensson (Redakteur NDR).

Die Rudolf Augstein Stiftung bedankt sich herzlich bei allen Bewerberinnen und Bewerbern für ihr Engagement!



Die ausgezeichneten Projekte

„atterwasch”
Scroll-Doku
Projektverantwortlich: Marco del Pra' und Frédéric Dubois

Das Dorf Atterwasch befindet sich im Hinterland von Cottbus. Spätestens sobald der erste Bagger kommt, wird das Dorf dem Braunkohle-Tagebau weichen müssen. In Zeiten der Energiewende, stellt das Projekt „atterwasch“ die Frage: Welche Bodennutzung dient heute dem Gemeinwohl am meisten? Durch den Einsatz innovativer Technik und mit einem hohen künstlerischen Anspruch, belebt „atterwasch“ das Thema neu. Das Langzeitprojekt wird somit interaktiv erfahrbar. Sehen Sie die Scroll-Doku hier online.

"Die Privatisierungspolitik der Troika"
Reportage
Projektverantwortliche: Elisa Simantke

Die "Troika" steht in keinem EU-Vertrag, doch sie trifft Entscheidungen, die Millionen Menschen betreffen. Eine Forderung, die sie an Krisenstaaten stellt: Um Kredite zu erhalten, müssen diese einen großen Teil ihrer öffentlichen Versorgung privatisieren. Das multimediale Recherche-Dossier "Europoly - Privatisierung unter der Troika" finden Sie hier.

„Dystopia Tracker“
Web-Applikation
Projektverantwortlicher: David Bauer

Technologie verändert unser Leben immer stärker in immer kürzer werdenden Abständen. Der Journalist David Bauer und das Datenjournalismus-Netzwerk Journalism++ entwickeln eine Applikation, die diese Entwicklung fassbar macht. Inhalte werden nach Wikipedia-Prinzip kollaborativ entstehen und dadurch laufend aktualisiert werden, um mit der schnellen Entwicklung Schritt zu halten. Prüfen Sie welche Zukunftsvorhersagen aus Literatur und Film bereits Wirklichkeit geworden sind hier beim Dystopia Tracker.

„Die verborgene Schweiz“
Reportage-Serie
Redaktionsleitung: Daniel Puntas Bernet
Projektkoordination: Hannes Grassegger

Das Magazin Reportagen veröffentlicht ab Mitte des Jahres eine Serie von Reportagen, welche die innere Tektonik der Schweizer Politik und Wirtschaft beleuchten. Die Recherchen dafür reichen vom Lac Léman über das Bundeshaus zum Zürcher Paradeplatz. Die Ergebnisse werden durch den narrativen Stil von Reportagen für ein breites Publikum zugänglich. Mittelfristiges Ziel ist die Etablierung eines Publikationskanals über jene komplizierten Wahrheiten, für deren Erforschung die Schweizer Presse immer weniger Platz hat.

„Firmenbeteiligungen des Bundes im Ausland“
Reportage
Projektverantwortlicher: Marvin Oppong

Das Rechercheprojekt nimmt die Beteiligungen des Bundes sowie der Länder in Steueroasen unter die Lupe. Der Bund war zuletzt an 702 Unternehmen beteiligt, über die zum Teil nur wenig bekannt ist. Politiker verschiedenster Couleur haben in den Medien ein härteres Vorgehen gegen Steuerflucht in Steueroasen gefordert. Durch ihren Sitz in Steuerparadiesen können aber auch Beteiligungen des Bundes Steuerzahlungen vermeiden – zu Lasten von Ländern und Kommunen.

„LAOGAI - Zwangsarbeit in China“
Filmprojekt
Autor und Regie: Hartmut Idzko
Kamera: Bernd Meiners

Seit der Einrichtung von chinesischen Arbeitslagern unter Mao Tse Dong im Jahr 1949 wurden gut 50 Millionen Chinesen inhaftiert. Die chinesische Wirtschaft profitiert außerordentlich von den Zwangsarbeitern, denn diese schuften nicht nur für die heimische Infrastruktur, sondern auch für den Export. In Hartmut Idzkos Film berichten ehemalige Lagerinsassen über ihre Zeit im LAOGAI-System. Originaldokumente aus den Lagern ergänzen ihre Schilderungen.

„800 Millionen Euro pro Jahr – Was steckt hinter dem Haushalt des Bezirks Pankow?"
Serie
Projektverantwortliche: Philipp Schwörbel und Juliane Wiedemeier

Demokratie, das ist nicht nur Bundespolitik. Gerade im Lokalen finden demokratische Aushandlungsprozesse statt, bei denen es oft um viel Geld geht. Ebenso wie im Großen bedarf es für eine funktionierende Demokratie auch im Kleinen einer kritischen Öffentlichkeit, die diese Prozesse begleitet, hinterfragt und im Zweifel Unstimmigkeiten aufdeckt. Die Prenzlauer Berg Nachrichten verstärken ihre lokalpolitische Berichterstattung und widmen sich in einer Serie dem Haushalt des Bezirks Pankow.

„Porträt über Barrett Brown“
Porträt
Projektverantwortlicher: Jan Ludwig
Barrett Brown galt als Sprecher des Hacker-Kollektivs Anonymous. Seit zwei Jahren sitzt er in Untersuchungshaft. Ihm drohen etliche Jahre Gefängnis. Warum eigentlich? Jan Ludwig macht sich auf die Suche, trifft als erster Journalist Barrett Brown im Gefängnis und veröffentlicht anschließend ein Porträt über Brown auf faz.net sowie sein Interview bei Krautreporter.

„Recherche im Kunsthandel“
Reportage // Inhalt vertraulich
Projektverantwortlicher: Willi Winkler

„Seilschaften der Macht“
Interaktive Reportage
Projektverantwortlicher: Harald Triebnig

Die Recherche des österreichischen Onlinemagazins Paroli widmet sich den Netzwerken und Seilschaften in der österreichischen Gesellschaft. Die interaktive Reportage-Serie zeigt hier, welche Verbindungen zwischen Entscheidungsträgern in Politik, Wirtschaft und Forschung bestehen, wie sie genutzt werden und welche Machtverhältnisse sich dadurch aufbauen.

„Weisse Wölfe - Terror vom rechten Rand“
Grafische Reportage
Projektverantwortliche: David Schraven und Jan Feindt (Zeichner)

David Schraven und Jan Feindt spüren den Strukturen der gewaltbereiten Naziszene in Europa nach. Anhand von Dokumenten und Insiderinterviews belegen sie, wie grenzübergreifend Waffen geschmuggelt und Anschläge gegen jüdische Einrichtungen oder Ausländer durchgeführt werden. Überraschend ist die Professionalität, mit der die rechtsradikalen Extremisten vorgehen. So können Schraven und Feindt nachweisen, dass die Szene durch aktive Armeeoffiziere unterstützt wird. Die Form der grafischen Reportage als journalistische Erzählweise ist in Deutschland noch immer Neuland. Gerade für investigative Geschichten bietet sie aber nach Überzeugung der Autoren unschätzbare Vorteile. Die 224 Seiten starke Reportage kann hier erworben oder direkt online gelesen werden.

„Themenschwerpunkt TTIP“
Serie
Projektverantwortliche: Tatjana Brode und Leonard Novy

Zwischen Europa und den USA wird seit Juli 2013 das Transatlantische Freihandelsabkommen TTIP verhandelt. Der Abbau von Handelshemmnissen wirkt sich auf europäische Qualitätsstandards aus – von Lebensmitteln und Energie über Datenschutz, Arbeit und Soziales bis zur Kultur. Die Verhandlungen finden hinter verschlossenen Türen statt, das Spiel der Interessen ist schwer zu durchschauen. Das Autoren-Blog Carta erstellt aktuell einen Themenschwerpunkt zu TTIP und möchte mit dem Dossier mehr Licht ins Dunkel bringen.

„Was passiert mit meinem Schrottfernseher? Eine Verfolgungsjagd per GPS“
Multimediale Reportage
Projektverantwortliche: Journalistenteam „Follow the Money“

Pro Jahr werden geschätzt 124.000 Tonnen Elektroschrott illegal aus Deutschland exportiert – vor allem nach Afrika. Das Journalistenteam Follow the Money (FtM) will am Beispiel von Fernsehern herausfinden, welche Wege der Elektroschrott nimmt, wer an ihm verdient und wem er schadet. Dazu statten die Wirtschaftsjournalisten Fernseher mit GPS-Sendern aus, speisen sie in unterschiedliche Entsorgungskanäle ein und reisen ihnen später nach. Verfolgen Sie hier die Jagd online.

„Wie ein Konzern von Hilfsgeldern profitiert“
Reportage
Projektverantwortlicher: Toni Keppeler

Nach dem verheerenden Erdbeben Anfang 2010 in Haiti bekam das Land von der internationalen Gemeinschaft Hilfszusagen in Milliardenhöhe. Ein erheblicher Teil dieser Mittel wurde nicht für die Opfer der Katastrophe ausgegeben, sondern floss in vorher längst geplante, aber ohne Hilfsgelder nicht realisierbare Wirtschaftsprojekte. Die Geschichte untersucht, wie ein internationaler Konzern von angeblicher Wiederaufbauhilfe profitierte. Toni Keppelers Rechercheergebnisse erschienen in der Frankfurter Rundschau sowie der WOZ und sind hier nachzulesen.